Aus der Praxis

Altera die andere Seite oder was ist Erfolg?

Altera - eine Fortbildung der besonderen Art, in der Projektleiter und Führungskräfte aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik in Hannover einen Einblick in eine ganz andere Wirklichkeit bekommen.

Eine Fortbildung, die neben der Qualifizierung des Mitarbeiters auch eine Form von sozialem Engagement bedeutet: nämlich die Augen nicht zuzumachen und die Erfahrungen weiterzutragen in die Arbeit der Unternehmen.

Macht das denn betriebswirtschaftlich Sinn?

Oder ist das eine "optimale Nutzung von Human-Kapital"? Ich finde: Ja!! Denn bereits heute zeigt sich der Trend, dass der Wettbewerb um Kunden und Märkte sich nicht mehr allein auf der Produktebene abspielt; zumal Produkte und Dienstleistungen immer austauschbarer werden. In Zukunft wird der Wettbewerb zunehmend stärker ein Wettbewerb um Menschen, Beziehungen und Vertrauen werden. Und das auf allen Ebenen der Kommunikation und Handlungen und in den Produkten eines Unternehmens. Oder würden Sie ein Auto von jemand kaufen, dem Sie nicht vertrauen? Selbst, wenn es ein Mercedes ist?

Zielgruppen anders kennen lernen

Bild: Zimmermann

Als Verantwortliche für die Kundenmagazine der SWH ist es wichtig, nicht nur die richtigen Themen, sondern auch den richtigen Ton zu treffen. Die Fortbildung war jetzt meine Chance, mal einen ganz anderen Teil meiner Zielgruppe kennen zu lernen und daran zu lernen. Meine ganz persönliche Motivation, genau an diesem Programm teilzunehmen, war die Arbeit mit Menschen, die man sonst nicht sieht und die sich außerhalb der Statistiken der Marktforschung befinden.

Lernen in einem bewusst offenen Umfeld in der Realität und nicht mit anderen Vertretern des Managements in einer "Laborsituation" (mit Bäumen oder Höhle), Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen, mit denen ich bisher nichts zu tun hatte, die sehr ehrlich und authentisch das eigene Verhalten spiegeln und sich sehr wenig durch Äußerlich- keiten wie Titel oder Position beeindrucken oder beeinflussen lassen. 

Mein Lernort

Mein Lernort waren Schule und Tagesgruppe in der Pestalozzi-Stiftung. In der Förderschule werden unter dem Motto "Chancen geben - Leben lernen" 135 Schüler in ihrer emo- tionalen und sozialen Entwicklung unterstützt und der für den Schul- abschluss notwendige Lehrstoff vermittelt.

Nach der Schule besuchen die Kinder das Jugendhilfeangebot "Tagesgruppe". Hier sollen die Kinder lernen, entwicklungs- hemmende Verhaltensmuster abzulegen und neues Verhalten zu entwickeln. Diese Arbeit geschieht in Zusammenarbeit mit der Familie des Kindes. Das bedeutet, dass sich die Betreuer in der Erziehung der Kinder immer wieder auch mit deren Erleben von Körperverletzung, Diebstahl, Wortgewalt, Vernachlässigung und Ähnlichem mehr auseinander setzen müssen.

Was mich bewegt und tief beeindruckt hat, war die gute Aufnahme durch die Schüler in der Klasse und in der Tagesgruppe. Wer bist du und was machst du hier? - Und schon war ich mittendrin in der Klassenarbeit oder im Monopolyspiel.

Andrea Zimmermann, Abt. Kundenkommunikation, Stadtwerke Hannover
 

Zum Beispiel Mirco

Mirco, ein Legastheniker, der selbst bei Mathematikaufgaben die dreifache Zeit für das Erfassen der (Text-)Aufgabe benötigt oder auch bei Abschreibaufgaben nicht in der Lage ist, auch nur zwei Worte hinter- einander richtig zu schreiben, erscheint nicht zum Unterricht. Eine Nachricht der Eltern liegt nicht vor.

Zwei Stunden später taucht Mirco auf. Sichtlich erschöpft, aber stolz erklärt er, was passiert ist. Der Fahrdienst, der ihn von seiner elterlichen Wohnung jeden Morgen abholt, ist nicht gekommen. Damit ist der Schüler üblicherweise freigestellt. Doch Mirco beschließt, sich mit Bus und Bahn auf den Weg zu machen. Er schafft es, sich allein die 40 km nach Burgwedel durchzuschlagen. Trotz der Tatsache, dass er x Mal umsteigen musste und für ihn das Lesen der Beschriftung der Verkehrs- mittel und Fahrpläne eine echte Meisterleistung bedeutet!

Sportstunde

Heute ist Handball angesagt. Der Sportlehrer fordert die Schüler auf, sich aufzustellen. Jens ärgert Nina und zieht sie damit auf, dass sie keinen Freund hat. Nina tritt Jens, bis der Lehrer die beiden trennt. Jens ist nicht zu beruhigen und rennt in kurzer Hose und Trägerhemd aus der Turnhalle. Außentemperatur 3 Grad Celsius. Er wird den Rest des Unterrichtes nicht mehr gesehen. Da der Lehrer die übrigen Schüler beaufsichtigen muss, kann er Jens nicht weiter suchen. Es geht weiter mit Handball. Ingo ist gerade in den Sportverein eingetreten und legt sich mächtig ins Zeug, als ob er ganz alleine spielt. Seine Mannschaft verliert haushoch.
Und doch war diese Sportstunde ein Erfolg.

Denn erstmalig hat Ingo die Niederlage seiner Mannschaft ohne aggressive Anfälle verkraftet. Er ist enttäuscht, aber ruhig und erhält deshalb alle seine "Sozialpunkte", was er mir ganz stolz in der Pause berichtet. Auch Jens hat ein Erfolgserlebnis zu verbuchen. Er ist nicht wie in früheren Fällen vom Schulgelände gerannt, sondern hat sich bei seiner Klassenlehrerin eingefunden. Auf dem Weg dorthin hat er entgegen seiner früheren Ausraster nicht eine einzige Scheibe kaputt geschlagen.